Der Verbrecher Verlag hat zu seiner jede Woche stattfindenden Verbrecherversammlung im Kreuzberger „Monarch“ diesmal den Autor von „WIE KOMME ICH HIER RAUS?“ KOLJA MENSING eingeladen. Sicherlich 30 Zuhörer finden sich zu dieser Lesung ein, die die Provinz zum Thema hat und ihr mit Humor und Selbstironie den Spiegel vorhält. Der Unterhaltungswert ist sehr hoch, wenn Teenagertage und erste Erfahrungen mit Alkohol und dem anderen Geschlecht aus der Erinnerung gekramt werden. Denkanstösse liefert MENSING seinem Publikum dabei dennoch zuhauf. Der Autor versteht es zu unterhalten und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen. Die Reflektion spielt in „WIE KOMME ICH HIER RAUS?“ eine wichtige Rolle. Die existenzielle Fragestellung „Wo komme ich her und wo will ich hin?“ bleibt unausgesprochen, drängt sich aber jedem im Saal auf. Mit der Frage im Kopf kann dabei die Antwort darauf mit jeder Anekdote an diesem Abend wechseln. Die Geschichten und Essay werden in „WIE KOMME ICH HIER RAUS?“ durch die „Heimatkunde“ mit Einschüben aufgelockert. Hierbei schweift MENSING von eigenen Gedanken und Erfahrung ab in kleine, ergänzende Exkursionen.
Im Laufe des Abends trennt sich der Begriff Provinz allmählich von der Enge der ländlichgeprägten Kleinstadt und fällt auch über die weltoffene Großstadt her. Piefigkeit, kleinbürgerliche Verschlossenheit und intolerantes Großbauertum ist kein Phänomen, das ausschließlich auf dem Land fruchtbaren Boden findet, sondern ebenso in der Stadt blühend gedeiht. Der Autor zieht heute aber noch eine weitere Parallele zum Leben in der Stadt und weißt auf verbindende Sehnsüchte von Städtern und „Landeiern“ hin. Dass diese Sehnsüchte oft nur eine Seite der Medaille sind, wird bekanntlich oft verdrängt. Dieses verbindende Glied zwischen Stadt- und Landbevölkerung, das Gutes will allerdings in ihrem Resultat nicht immer positiv zu bewerten ist, läßt Stadt und Land sich annähern. Die einen suchen den Anschluss und eine Teilhabe am vermeindlich fortschrittlichen, städtischen Schmelztiegel und die anderen sehnen sich verklärt nach Ruhe und Frieden im Grünen, wo die Welt noch in Ordnung scheint. Während sich Kleinstädte ohne ersichtlichen Grund durch Shopping-Malls auf der grünen Wiese selbst entkernen und nunmehr bei McDonalds gegessen wird und Supermarktketten zum 08/15-Shoppen einladen, entwickeln Architekten und Soziologen kleine Großstädte am Rand der gewachsenen Zentren, die urbanes Leben im Grünen vorgaukeln sollen und beiläufig eine elitäre Version von Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen.
Die sehr kritische Auseinadersetzung mit provinziellen Gepflogenheiten werden in der Lesung immerwieder versöhnlich durch einen viel emotionaleren Begriff unterbrochen, der auch positive Gefühle zur eigenen Herkunft zulässt- Heimat. Diese Heimat kann in Ostfriesland, dem Sauerland, in München oder Berlin liegen. Sicherlich gibt es hartgesottene Verfechter des einen oder des anderen Lebensentwurfs, doch woher kommt dieser Starrsinn und die Einfältigkeit zu behaupten, dass es nur den einen richtigen Weg gäbe? Nach der Lesung bin ich in der Überzeugung bestärkt, dass Heimatgefühl einem weiterhelfen kann, wenn Orientierung fehlt. Die Erfahrung mit der Heimat kann einen weg in die Stadt oder zurück aufs Land führen und beides ist in Ordnung. Es bleibt der Eindruck, dass MENSING viele Anstösse gegeben hat, die jeder für sich weiterdenken muss. Ein ausgesprochen interessanter Abend.
„Home is where your heart is.“ (Elvis Presley)
„WIE KOMME ICH HIER RAUS?“
von Kolja Mensing
192 Seiten, 12,00 €
ISBN : 978-3-940426-32-1 (Verbrecher Verlag)
www.koljamensing.de
www.verbrecherverlag.de

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